Mein Jahr der Ruhe und Entspannung

Rund um die Produktion Mein Jahr der Ruhe und Entspannung hatten Anaïs Meier, Dorothee Elmiger und Ariane Koch im März/April den Auftrag, Schlafprotokolle zu führen. 3 Auszüge daraus vorab hier; die Texte erscheinen vollständig abgedruckt im Programmheft.

Guten Morgen Frau Gubler

Es begann in der ersten Klasse. Von der ersten bis zur vierten war ich bei derselben Lehrerin, Frau Gubler. Frau Gubler war sehr gross und hatte einen lustigen, lockigen braunen Pferdeschwanz. Sie war auch Star der Volleyballmannschaft im Dorf. Ihr Vater war der Leiter des Frauengefängnisses gewesen, das in einem alten Schloss auf einem Hügel über dem Dorf thront.

In meinem Zeugnis der ersten Klasse stand bei «Bemerkungen»«: A. ist sehr verträumt. A. wirkt oft müde. Tatsächlich kann ich mich nicht mehr richtig an meine ersten vier Schuljahre erinnern, aber vom Ausblick aus dem Fenster weiss ich noch immer, wie der aussah. Unser Klassenzimmer war im obersten Stockwerk ganz hinten. Das Schulhaus hatte drei Stockwerke. Es erschien gross, war ein moderner Bau und aussen dunkelrot. Innen waren die Klassenzimmer länglich mit jeweils einer Wand als Fensterfront. Dort war die Fensterbank. Bei Tests und freiem Unterricht konnte man sich dort hin setzen, es war mein Lieblingsplatz, ich war klein und das Fenster war gross.

Im Fenster ging die Sonne auf und unter, mal schöner, mal weniger. Kinderbasteleien, dahinter Felder und vergehende Zeit. An der Wand rechts von mir war das ABC aufgeschrieben. Wir gingen der Reihe nach. 26 Buchstaben lang. Ein Buchstabe pro Woche. 26 Wochen lang. Ich war immer müde, in diesem Zimmer.

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Anaïs Meier (*1984) studierte Film und Medien an der Filmakademie Baden-Württemberg und Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut. Schreibt seit 2018 die monatliche Kolumne «Aus dem Réduit» für die Fabrikzeitung. Im Juli erscheint der Kurzgeschichtenband «Über Berge, Menschen und insbesondere Bergschnecken» als E-Book bei mikrotext.


I

Die Wohnung jetzt als Kapsel, in die ich mich abends zurückziehe, um alles abzulegen, das Gesicht zu waschen und einzuschlafen. Nun, da das Äussere im Grunde nicht länger begehbar, jedes Fortkommen darin unmöglich geworden ist, eine plötzliche Ausdehnung des Inneren, Nächtlichen. Der traumlose Schlaf, die Schimären der Übernächtigten, das traumhafte Geschehen als primäre Wirklichkeit; die Nacht als sich pausenlos nach innen ausdehnende Oberfläche.

II

Die Vorgänge im Äusseren scheinbar unverändert: Diffuses Licht kurz nach sechs Uhr, aufhellende Horizonte, Tendenz ins Blaue, rasch steigende Sonnen, die Überschreitung des Zenits, dann wieder das Schwinden, langsame Sinken der Sonnen, Untergang u. Übergang ins relativ Dunkle.

III

Seit der grossen Schliessung des Äusseren, seit der Begrenzung der äusseren Dimension, der Schlaf zunehmend abrupt, drastisch: Kaum lege ich mich hin, reisst er mich wieder hinab in sein dunkles Gebäude.

IV

Stürze haltlos durch die grosse Röhre, durch nächtliche Kanäle aufs Innerste zu, laufe durch wahllose Korridore, begebe mich immer tiefer hinein in diesen weitläufigen Komplex, benutze Aufzüge, die rapide immer nur nach unten (innen) gleiten, ins Zentrum der INTRA STRUCTURA.

IV

Im Inneren nichts, was ich nicht schon zu kennen meine: Wir tragen z. B. schwere Kostüme, die uns als Könige, Damen und Buben kennzeichnen. Ich spreche Französisch: trèfle, pique, cœur und carreau.

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Dorothee Elmiger (*1985) lebt als freie Schriftstellerin in Zürich. Im August erscheint ihr neues Buch «Aus der Zuckerfabrik» bei Hanser.


1. Ich träumte, dass ich einem Freilichttheater mitspiele. Die Bühne war ein Fels. Das Wetter war miserabel. Ein grauer Regen peitschte auf den Stein, weit und breit keine Zuschauer*innen. Ich suchte verzweifelt den Ausdruck meines Textes, von dem ich wusste, dass ich ihn gut beherrscht hatte, nun aber kein Wort mehr davon wiederzugeben in der Lage war. Eine ältere Schauspielerin half mir beim Suchen und zitierte frei ein paar Sätze daraus, die mir nicht einmal bekannt vorkamen. Ein junger Schauspieler kam mit stahlblauen Augen immer näher an mich heran, also ging ich von der Bühne ab, beziehungsweise kletterte ich den Fels hinunter und betrat die Hinterbühne des Theaters, die eine Villa war. Dort suchte ich lange weiter, begegnete jedoch nur mit Blachen abgedeckten Möbeln.

2. Ich war nie eine grosse Schläferin, beziehungsweise keine Lang- oder Vielschläferin. Ich schlafe gern fest, aber kurz. Ich bin auch selten müde und wenn doch, so gebe ich es ungern zu.

3. Als ich einmal sehr erschöpft war – von der Arbeit und der Liebe – da legte ich mich auf den kleinen Rasen im Garten meiner Eltern, um Oblomow zu lesen. Auf Seite 44 bemerkte ich einen unangenehmen Geruch und tippte auf Katzenkot. Auf Seite 80 schlief ich ein, träumte das Buch zu Ende und noch weiter und nahm es fortan nie mehr in die Hand.

4. Man sollte nicht schlafen, um nicht zu arbeiten, sondern arbeiten, um nicht nur zu schlafen.

5. Man sollte gar nicht arbeiten, sondern herumliegen und Schwätzchen halten, so wie Oblomow.

6. Wenn man den Schlaf personifizieren müsste, so würde ich sagen, er ist meine Grossmutter. Meine Grossmutter hat auch gerne Schwätzchen gehalten. Wenn ich mich mit ihr zum Kaffee traf, führte sie jeweils eine nummerierte Liste mit den zu erzählenden Dinge mit sich. Sie schweifte bereits beim ersten Stichwort derartig ab, dass wir es nie zum zweiten schafften.

7. Vielleicht sollten wir im Allgemeinen mehr abbiegen.

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Ariane Koch (*1988) studierte bildende Kunst, Interdisziplinarität sowie ein paar Semester Philosophie und Theaterwissenschaft. Sie schreibt Theater- und Performancetexte – oft in Kollaboration mit der Theatergruppe GKW (Moïra Gilliéron, Ariane Koch und Zino Wey) oder der Künstlerin Sarina Scheidegger. Aktuell arbeitet sie an ihrem ersten Roman «Die Aufdrängung».