Das Tabu überrundet

Frühlings Erwachen ist cancelled. Nicht, weil das Stück nicht mehr gut oder relevant wäre. Sondern weil die moderne Einbettung mehr braucht als eine Kindertragödie aus dem 19. Jahrhundert.

Sowieso, Sexualität sei doch Erleben, nicht Reden, findet die Figur, die Matthias Neukirch spielt. «Chill», kriegt er zur Antwort, «die Leute haben schon gecheckt, dass du ein alter, weisser Mann bist.» Und damit wäre auch schon geklärt, wer in diesem durchgestrichenen Stück die Fäden in der Hand hält: Nicht die Boomer. Sondern die pastelligen jungen Menschen, die die leuchtende Bühnentreppe bevölkern. Und mehrmals seufzen, das hier sei kein Generationen-Bashing. Ist es auch nicht; das Stück lässt einfach mal eine Generation reden, die nicht Otto, Ernst und Hänschen heisst.

Die Ausgangslage ist folgende: Ein Ensemble will Frühlings Erwachen proben, den Schulklassiker, der seinerzeit jahrzehntelang (!) verboten und zensiert wurde, weil er als so obszön galt. Klar, Teenager-Schwangerschaft, Homosexualität, Suizidalität. Nur: Reden können die knapp Jugendlichen nicht darüber, im ursprünglichen Stück. Siedürfen nicht, haben keinen Zugang. Diesen Zugang wollen die sechs jungen Menschen in Frühlings Erwachen schaffen.

Man könnte meinen, das sei schon längst geschehen. In der Stadt mit der schweizweit grössten Pride, gelegentlichen Mental-Health-Kampagnen und einem modern anmutenden Schulsystem: Haben wir da wirklich ein Stück nötig, das Sexualität enttabuisiert? Wie denn? Indem es «PENIS!» ins Publikum ruft?

Nicht nötig. Das Premieren-Publikum kichert nämlich nur schon, als das Wort «Geschlechtsteil» fällt. Es gluckst auch, als die Figuren, durchaus in ernstem Ton, faire Arbeitsbedingungen in der Porno-Industrie fordern. Dafür hauen aber auch die intendierten Pointen rein: Da steht Neukirch in einer Vulva-Robe, sagt lakonisch, das sei seine Traumrolle; währenddessen erklären die Jungerwachsenen den Unterschied zwischen einer Vulva und einer Vagina ist (die Vagina ist bloss der «Schlauch» – sorry für den Ausdruck, das Stück und Wikipedia könnens auch nicht besser); dass die Klitoris deutlich mehr Nervenenden hat als der Penis und eigentlich ein grösseres Organ ist, als viele denken. Zwei Klitoris-Modelle werden auf die Bühne geholt und vorgezeigt. Man möchte reihenweise Schulklassen ins Publikum setzen. Obwohl: Generationen mit Neunen, Achten, Siebnen in ihren Jahrgängen – geschweige denn ältere Semester – dürften die Infos auch nötig haben. Im Aufklärungsunterricht, beklagt sich eine weibliche Figur, werde hauptsächlich darüber geredet, wie man sich beim Sex keine Krankheit und keine Schwangerschaft einholt.

Einmal wird der Vorwurf so formuliert: «oversexed and underfucked». Im Gegensatz zu früher, vor Jahrzehnten bis Jahrhunderten, ist Sex heute überall. Als einseitige Vorstellung, als Cis-Hetero-Norm, als dauerverfügbarer Fetisch ohne Kontext. Wie sonst ist zu erklären, dass die meisten Leute Sex noch immer durch Penis-in-Vagina-Penetration messen? Dass viele Dudes Schwänze aufs Gesicht gemalt kriegen, wenn sie betrunken einschlafen, aber niemand wüsste, wie eine vereinfachte Vulva zu zeichnen wäre? Wer muss «cis» alles googlen, und wer versteht die Antwort? Wie aufgeklärt ist eine Kultur, die jahrzehntelange Popmusik über sexualisierte Gewalt verharmlost, aber bei einem Track über «Wet Ass Pussies» aufschreit?

Frühlings Erwachen frohlockt denn auch nicht 90 Minuten lang über Schwänze und Pussies. Vollständige Enttabuisierung, Wort für Wort, wird nicht durchpraktiziert; Begriffe wie «schwul» oder «Asexualität» müssen gar nie erst fallen (obwohl es mitunter um Asexualität geht, was bisher kaum je eine schulische Aufklärungs-Lektion zustandegebracht hat). Das Tabu wurde schon längst überrundet, die Heteronorm wird mit einer jugendlichen Selbstverständlichkeit als ultra-beschränkt abgetan.

Stattdessen schildert das Stück Fails. Die Pille danach, das Coming-Out bei der Grossmutter, eine Affäre mit einer Lehrerin. Was an die Realität angelehnt ist und was nicht, zerfliesst; das Stück wurde vor, während und nach dem Lockdown stetig weitergeschrieben, denn auch das Ensemble ist an der Pandemie mitgescheitert. Aber eben nicht ganz. Denn das, was auf dieser Bühne stattfindet, hätte forciert rauskommen können; cringe-worthy Jugendsprach-Versuche, belehrende Lektionen, offensichtliche Wedekind-Referenzen. Stattdessen wird gemeinsam über Sex nachgedacht; die sprachliche Berührungsangst mit der Berührung in Frage gestellt. Das lässt Uneinigkeit zu. Und das Ende offen.