Die Dynamik der Pandemie

von Sibylle Forrer

«Ich kann nicht mehr. Das geht jetzt so weiter. Da ist kein Horizont.» Mit diesen Worten lässt Nicolas Stemann seine Corona-Passionsspiele Vol.3 beginnen. Mit den Passionsspielen führt Stemann eine Art Corona-Tagebuch und nimmt darin die Zuschauer*innen mit auf eine Reise durch die eigene Gefühlswelt seit Ausbruch der Pandemie: Auf den ersten Schock und das nicht wahrhaben wollen, wie ernst die Lage ist, folgt der Versuch, sich in der neuen Realität zurechtzufinden. Zuhause bleiben wird dank Internetzugang und Alkoholvorrat als einigermassen erträglich wahrgenommen, doch schon bald zeigen sich die Tücken der Technik, und die Isolation wird zunehmend zur Bewährungsprobe. Die Emotionen beginnen hochzukochen. Eine Erklärung für die missliche Lage muss her. Die Pandemie als Strafe Gottes, als grosse Weltverschwörung oder als Fake der Medien; keine Erklärung kann abstrus genug sein. Um Plausibilität geht’s dabei nie, sondern einzig um ein Ventil für die eigene Wut und Unzufriedenheit. Wer es etwas gemässigter mag, verkauft die «Krise als Chance» und blendet dabei geflissentlich aus, dass man sich eine solche Haltung erst einmal leisten können muss. Im Sommer dann die grosse Erleichterung: Mit der Wärme kehrt auch das Leben zurück. Endlich wieder Zusammensein, endlich wieder Kultur, endlich wieder Essen in Restaurants. Gegen Ende des Sommers wird es immer deutlicher: Die Unbeschwertheit war nur ein flüchtiger Sommerflirt. Mit Beginn des Herbstes steigen die Infektionszahlen wieder rasant an. Das Verhandeln beginnt: Kultur nein, aber Skifahren schon. Maskenpflicht, aber kein Lockdown. Die zweite Welle rollt längst über die Schweiz, als noch so getan wird, als herrsche bloss leichter Seegang. Mit dem zweiten Shutdown kommt die Depression. Zwar ist ein Impfstoff da, die Mutation aber auch. Und alles dauert an. Die Einsamkeit, die Tristesse, die Angst - und kein Ende ist in Sicht. «Da ist kein Horizont.» Am Ende befinden wir uns bei Stemann in Schuberts Winterreise am Wegweiser, in bedrückendem Schwarz-Weiss, und fragen mit der Sängerin orientierungslos, wohin uns dieser Weg der Pandemie führt.

Die Pandemie ist eine Passion, im lateinischen Wortsinne. Sie ist Krankheit und Leiden. Und leider ist sie - anders als auf der Bühne - kein Spiel. Ihre Dynamik gleicht der eines Trauerprozesses, der uns durch die Phasen der Leugnung, Wut, Verhandlung und Depression treibt. Wir sind der Pandemie ausgeliefert, sind ständig zur Reaktion verdammt. Wir sind nicht mehr die Akteur*innen sondern können bloss beobachten und reagieren und hinken dabei den Entwicklungen stets hinterher. Regie führt das Virus; und das behagt uns ganz und gar nicht. Das haben wir anders gelernt. Wir sind es gewohnt, die Zügel selbst in der Hand zu halten und sind der Meinung, dass uns, der «Krone der Schöpfung», diese Vormacht auch zusteht. Die Pandemie ist eine Zumutung für das menschliche Ego. Und sie ist eine Zumutung für den herrschenden Zeitgeist. Wir haben verlernt, damit umzugehen, nicht alles sofort wissen und erklären zu können. Wer als Expert*in eine Prognose wagt, die anschliessend nicht zutrifft, wird attackiert und in der Fachkompetenz angezweifelt. Dass wir dem Virus ständig hinterherrennen und Forschungsergebnisse immer neu gedeutet werden müssen, können wir nur schwer akzeptieren. Anstatt uns mit den tatsächlichen Ursachen der Pandemie zu beschäftigen - der perversen Ausbeutung von Tier und Umwelt – suchen wir nach Erklärungen, die unseren Lifestyle möglichst nicht beeinträchtigen.

Teilt man die Pandemie in die Trauerphasen ein, sind wir jetzt in der Depression. Das bestätigt auch die Statistik. Noch nie war die Zahl der an einer Depression erkrankten Menschen so hoch wie zurzeit. Besonders schlimm betroffen sind dabei die 14 bis 24-Jährigen. Dass es vielen Menschen sehr schlecht geht, dass sie in Schmerz gefangen sind, wie es Schuberts Winterreise beschreibt, das müssen wir nicht nur auf die Bühne bringen, sondern auch im Alltag benennen. Wir müssen den Mut - und die Möglichkeit - haben, zu sagen, wenn es uns schlecht geht. Wir brauchen Raum, damit dieser Schmerz hinausgeschrien und all das beklagt werden kann, was uns die Pandemie zumutet und genommen hat. Klagen muss möglich sein. Ohne das beschwichtigende «aber eigentlich geht es uns doch ganz gut, verglichen mit…» Denn Klagen ist heilsam.

Die Trauer ist dann bewältigt, wenn man gelernt hat, mit dem Verlust zu leben. An diesem Punkt sind wir in Bezug auf die Pandemie noch nicht. Können es auch noch nicht sein. Denn die Pandemie dauert an. Sie wird zur Bewährungsprobe. Für uns selbst, unsere Gesellschaft und das, was wir darunter verstehen, unseren Lifestyle und unser Selbstverständnis.

«Ist da noch Liebe?» lässt Stemann seine Schauspieler*innen mitten in der Depression fragen. Ich hoffe es sehr. Denn Liebe ist es, was wir zurzeit brauchen. Und - das zeigen Stemann's Passionsspiele eindrücklich – auch eine gute Portion Humor.