Tender Talk Nr. 1
Sibylle Berg & Dr. Ruth Westheimer

Dr. Berg trifft Dr. Sex: Unsere Hausfreundin und Lieblingsautorin Sibylle Berg, die uns mit scharfzüngigen Essays und tröstenden Worten sicher durch die Pandemie gesurft hat, spricht im ersten Tender Talk mit Ruth Westheimer, besser bekannt als «Dr. Ruth». Die 92-Jährige Soziologin und Sexualtherapeutin lebt nicht nur ein äusserst ereignisreiches Leben, sondern hat auch mindestens 30 Ratgeber zum Thema Sex veröffentlicht und in den letzten Jahren besonders älteren Menschen in die Betten geschaut. Von sich selbst sagt die in New York wohnhafte Deutsche gern: «Ich bin 1.40 m konzentrierter Sex.»

Die Schweizer Autorin Nina Kunz, deren neues Buch Ich denk, ich denk zu viel im März bei Kein & Aber erscheinen wird, hat sich das Gespräch von Sibylle Berg und Dr. Ruth Westheimer angeschaut, und ihre Gedanken dazu im Text Die neue Zärtlichkeit festgehalten. Als begleitende Lektüre veröffentlichen wir ihn ebenfalls an dieser Stelle.


Die neue Zärtlichkeit

Okay schaut: Ich hasse Zoom. Schliesslich habe ich 2020 auf Zoom gelebt. Ich habe auf Zoom Geburtstag gefeiert, auf Zoom Beziehungskrisen gelöst, auf Zoom Redaktionssitzungen abgehalten.

Am Anfang war es ja noch lustig, als Leute mit dem Kartoffel-Face-Filter im Videochat auftauchten, aber je länger die Pandemie andauerte, desto mehr wurde Zoom – zumindest für mich – zum Symbol für die triste Körperlosigkeit unserer Zeit.

Wirklich: Ich hasse Zoom.

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Aber, als ich hörte, dass sich Sibylle Berg auf Zoom mit Dr. Ruth Westheimer – 92 ½ Jahre alt, Holocaust-Überlebende, die wahrscheinlich bedeutendste Sexualtherapeutin der Gegenwart – unterhalten wird, war ich trotzdem sofort so:

Oh mein Gott, count me in, wann geht’s los.

Das Schauspielhaus Zürich hat es also geschafft, dass ich tatsächlich einen weiteren Abend auf Zoom verbringe, dieser zweidimensionalen Hölle. Und zwar freiwillig.

Okay – und so war’s.

Ich logge mich am Donnerstagabend ins Webinar ein und frage mich, was ich wohl von einem Tender Talk erwarten kann (der Abend ist ja «nur» der Auftakt einer ganzen Gesprächsreihe über Zärtlichkeit in un-zärtlichen Zeiten).

Und während ich mir das so überlege, erscheint links auf meinem Laptop-Screen Ruth Westheimer, die in ihrer New Yorker Wohnung am Schreibtisch sitzt, und wacher wirkt als jede Person, die ich seit 2019 gesehen habe. Und links taucht Sibylle Berg auf, vor einer weissen Wand, mit Thermosflasche – und ich werde sofort euphorisch: Aaaah es gibt sie also wirklich.

In den ersten Minuten fühle ich mich etwas wie eine Spannerin, weil ICH Westheimer und Berg ja sehen kann, sie MICH aber nicht – und sie dennoch gleich drauflos-quatschen, als wären sie alte Bekannte. Sie reden über Champagner, Israel und Gewehre, was man halt so erwarten kann.

Und, weil sie sich so gut verstehen, lädt Westheimer Berg auch sofort ein, sie in New York zu besuchen – und meint: «Aber die Wohnung werde ich nicht aufräumen!» Dafür sei ihre Zeit zu knapp. Und dann lacht sie ein Lachen, bei dem man denkt: Ah okay. Die Pandemie muss vorbeigehen, sonst kann ja Sibylle Berg nicht nach New York und sie muss nach New York, denn Westheimer will es ja so.

Dann reden die beiden über Einsamkeit und ich heule fast. Denn: Westheimer (die seit zwanzig Jahren verwitwet ist) hat seit einem Jahr niemanden mehr getroffen – ausser ihrer Tochter. Sie meint, sie müsse vorsichtig sein, denn sie sei ja eine «endangered species», eine bedrohte Spezies.

Aber sowieso, bedeute Einsamkeit für sie etwas anderes. Sie erzählt nämlich, wie sie von ihren Eltern am 5. Januar 1939 am Frankfurter Bahnhof – zusammen mit anderen jüdischen Kindern – in einen Zug in Richtung Schweiz gesetzt wurde. Danach sah sie ihre Familie nie wieder. Dieses Wegfahren sei furchtbar gewesen – habe aber auch ihr Leben gerettet.

Und dann, als ginge es darum, die gewonnene Zeit, bestmöglich zu nutzen, legte Westheimer – wie sie berichtet – die wunderlichste Karriere der Welt hin: Sie machte in Herisau die Haushälterinnenschule, wurde in Israel Scharfschützin, studierte an der Sorbonne Psychologie, emigrierte in die USA und wurde später zur wichtigsten Sexualaufklärerin am amerikanischen Fernsehen.

Spätestens dann gefriere ich vor dem Laptop und denke: Wenn es möglich ist, diese Art von Einsamkeit auszuhalten und sogar Stärke daraus zu ziehen, muss ich mein Pandemie-Selbstmitleid echt überdenken. Zum Glück gibt uns Westheimer dann auch gleich zwei Tipps, wie wir besser mit der aktuellen Krise klarkommen können.

Erstens: Ruf jeden Tag einen Freund oder eine Freundin an und sag «Hallo, wollte mich nur kurz melden». Sei nett, singe was vor, aber: Frage nicht: Wie geht’s? Denn: Alle haben Probleme.

Zweitens: Bleibe beschäftigt. Such dir was, mit dem du die Zeit füllen kannst (da nickt Sibylle Berg zustimmend und wir erfahren – ich falle in Ohnmacht – dass GRM Brainfuck eine Trilogie wird).

Mein Lieblingsmoment des Abends ist dann vermutlich der, als Berg Westheimer fragt, ob sie Sport treibe und zur Antwort kriegt: Nun, sie zwinge sich manchmal, in der Wohnung herumzulaufen. Sonst sei Reden ihr Sport. Sie rede von morgens bis abends, vielleicht auch im Schlaf, das wisse man nicht so genau.

Auch grossartig ist, als die beiden über die Mythen rund um die weibliche Sexualität sprechen und Westheimer die Hände in die Luft wirft und ruft: «Sigmund Freud war ein Gelehrter, aber bei der Klitoris hat er sich geirrt. Er meinte, der vaginale Orgasmus sei ein Zeichen von Reife und der klitorale ein Zeichen der Unreife. Dabei ist die Klitoris einfach ein grosser Schwellkörper und es gibt gar keinen Orgasmus ohne. Freud hätte mal zu mir in den Unterricht kommen sollen!»

Das Gespräch springt von G-Spots zu Enkelkindern zu Kirsch-Stängel zu geschlossenen Restaurants zu Forderungen nach mehr Respekt in der Welt und – ganz ehrlich: Es ist grossartig.

Jedenfalls merke ich – je länger der Abend dauert – wie sich meine Laune hebt, und ich null mental ausgehungert oder leer-gelabert bin wie sonst immer auf Zoom.

Es ist schwer zu sagen, woran es liegt. Vielleicht bin ich einfach schwer verliebt in Sibylle Berg. Beziehungsweise: In ihre Persona und ihre Plädoyers – etwa dafür, dass die Staaten jetzt bitte mal ordentlich Geld in die Hand nehmen sollen, um die Weniger-Privilegierten zu schützen.

Oder vielleicht bin ich auch einfach nur tief beeindruckt von Dr. Ruth Westheimer, die praktisch zehn Leben in einem gelebt hat, und nie aufhörte, nach vorne zu schauen. Auch jetzt nicht. Schliesslich mahnt sie uns ausdrücklich «Gebt die Hoffnung nicht auf!» und bittet ausserdem, man möge ihr das neuste Buch von Sibylle Berg Nerds retten die Welt nach New York schicken. Per Express.

Ich meine, ob Pandemie oder nicht: That’s the Spirit.