Eine Auslegeordnung der AFTERHOUR

von Bendix Fesefeldt
erschienen am 13. Mai 2021

«Was ich auch tue, es hat keinen Sinn, wenn das Haus in Flammen steht.» Greta Thunberg vor einem Jahr auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos.

Bei einem ersten konzeptuellen Treffen im August 2020 sagte Alexander Giesche, der Regisseur von AFTERHOUR, dass die geplante Premiere im Frühling 2021 die erste Premiere nach dem Lockdown sein würde. Wenige Tage vor der Premiere am 2. Mai kam der überraschende Entscheid, dass die Schweizer Theater tatsächlich öffnen dürfen. Viel liesse sich über diesen Erlass sagen; vor allem liesse sich Kritik an einer scheinbar von der Wirtschaft getriebenen Fahrlässigkeit äussern, und vielleicht ist da auch ein wenig Herzklopfen, dass das Ensemble Ihnen wieder auf der Bühne mit den gebührenden Sicherheitsmassnahmen begegnen darf. Wie die Zukunft dieser Öffnung aussehen wird, bleibt Spekulation.

Als Reaktion auf diese Tatsache veröffentlichen wir an dieser Stelle das Programmheft der AFTERHOUR. Ein digitales Archiv, das assoziativ über die Bühnenelemente nachdenkt und in einem technischen Glossar die Requisiten und Kostüme der Inszenierung aufschlüsselt.

Feuer

Unter den vier alten Elementen ist Feuer das merkwürdigste: Erde, Luft und Wasser sind Substanzen, Feuer aber ist eine Reaktion, die sich nur in der Beziehung von zwei Substanzen zueinander ereignet. Feuer brennt immer im Kontext: Ein Joint, ein Kaminfeuer, ein Waldbrand. Das Flackern der Flamme der Frackingstation streckt sich hoch in die dunkle Nacht, die Flamme selbst brennt aber tatsächlich nach unten, dem ausströmenden Gas entgegen. So brennt sich die Flamme tief in die Zeit hinein. Landschaften geologischer Vergangenheit vergehen in Funken, die das Anthropozän erhellen.

In der Menschheitsgeschichte steht das Feuer als archaische Metapher für Fortschritt. Die Erkenntnis erfährt der Mensch in der griechischen Mythologie durch den Titan Prometheus, der Vorausdenkende, der für die Menschen das Feuer von den Göttern stiehlt. Und tatsächlich verhalf das Feuer in der Evolutionsgeschichte mehr Energie in die Entwicklung von Gehirnaktivitäten zu investieren, weil das Verdauen von gekochter Nahrung für den Körper weniger Aufwand bedeutete und mehr Kraft zum Denken blieb. Beim Eintritt in exponentielles Wirtschaftswachstum zu Beginn der Industrialisierung wiederum verschwand das offene Feuer mehr und mehr aus dem alltäglichen Leben, wie der Umwelthistoriker Stephen Pyne beschreibt. Einmal mehr wurde das gezähmte Feuer zu den Annehmlichkeiten, die die Westliche Welt schätzt. Der Schmutz und die Gefahr hingegen wurden an Orte verbannt, die infernalisch erscheinen: Müllverbrennungsanlagen, Atomkraftwerke oder Brandrodungen.

Doch eine Zähmung geschieht nur bei gegenseitiger Anpassung, Entwicklung ist immer eine gegenseitige Einflussnahme. Die Nutzbarmachung und Domestizierung der Naturgewalt «Feuer» ist nicht zu haben, ohne eine Wirkung auf die vermeintlich nur Nutzenden:

«Was ich auch tue, es hat keinen Sinn, wenn das Haus in Flammen steht», sagte Greta Thunberg vor einem Jahr auf dem Weltwirtschaftsforum, das 2021 aufgrund der Schweizer Pandemielage in Singapur und nicht in Davos stattfindet. Die Pointe ist hier wohl, dass das Feuer nicht von aussen kommt, sondern die verzögerte Fernwirkung des Hausbaus selber ist. Mitten im Haus der industriellen, kapitalistischen Moderne ist ein Schwelbrand ausgebrochen, ein Rauchgeruch liegt in der Luft und manchmal sieht man kleine Rauchschwaden aus den Fugen zwischen den Dielen entweichen. Hoffentlich kommt die Feuerwehr rechtzeitig.

Licht und Dunkelheit

Die Geschichte von Licht und Dunkelheit wird häufig in der Gedankenform erzählt, die Dualismus genannt wird. Alle Qualitäten können aufgelöst werden in gegensätzliche Paare. Häufig wird das Licht idealisiert, die Dunkelheit wird abgewertet. Es findet eine Spaltung statt.

In Dreaming the Dark schreibt die Autorin und Wicca-Hexe Starhawk, wie in der gespaltenen Welt der Geist im Krieg mit dem Körper liegt, die Kultur mit der Natur, das Heilige mit dem Profanen, das Licht mit der Dunkelheit. Licht ist eine Metapher, die in der Aufklärung steckt, auf Englisch Enlightenment, auf Französisch Lumières. Die Rhetorik des Geistes, der Kultivierung oder des Heiligen durchzieht auch die Legitimationsstrategien für koloniale und rassistische Gewalt. Ebenso mag der Krieg von Dunkelheit und Licht eine Metapher sein, die im Sexismus steckt: Einst wurde der systematische Mord an Frauen damit begründet, dass diese als Hexen im Bunde mit dunklen Mächten stünden.

Die griechische Mythologie zeichnet ein anderes Verhältnis von Dunkelheit und Licht: Der Tag und das Licht sind die Töchter der Nacht und der Dunkelheit. In der Dunkelheit werden Visionen geboren. Licht und Dunkelheit sind in einer Beziehung zueinander, das eine ergibt ohne das andere keinen Sinn – und mehr noch: Erst ist der Beziehung konstituiert sich der Einfluss, den Licht und Dunkelheit auf den Menschen haben.

Die Physik kann viele Phänomene noch nicht erklären, zum Beispiel dies: Wenn wir in den Nachthimmel schauen, wieso erscheint er uns dunkel? Ist das Universum unendlich und enthält unendlich viele Sonnen, müssten wir dann nicht in gleissendes Licht blicken? Wahrgenommen werden nur drei Prozent der Materie des Universums, siebenundzwanzig Prozent ist anziehende Dunkle Materie und siebzig Prozent abstossende Dunkle Energie, die dem Menschen unsichtbar bleiben.

Mitten in den Alpen, wo die Schwerkraft besonders hoch ist, warten Astrophysikerinnen neben mit Edelgas gefüllten Supertanks darauf, dass irdische Atomkerne mit Dunkler Materie in Beziehung treten. Bislang geschieht dies nur in den Gefilden von mathematischen Modellierungen. So lange können wir träumen, was das Dunkle ist, bis aus dessen Mitte neue Rätsel ins Licht treten.

Sprache

Dinge verkörpern Energie, von der Einstein sagt, sie sei nicht getrennt von der Materie. Was als einzelnes Ding wahrgenommen wird, ist der Effekt von energetischen Verhältnissen in Beziehung zu Masse und Geschwindigkeit. Diese Verhältnisse sind wiederum nicht statisch sondern bewegen sich fortlaufend, Energie formt, sie verändert Dinge und sie kann beeinflusst werden.

Wie die Autorin und Wicca-Hexe Starhawk betont, ist die Sprache dem Denken in fluiden und veränderlichen Verhältnissen kaum gewachsen. Die grammatikalische Struktur der meisten westlichen Sprachen geht von einem Nomen aus, dem Attribute zugeschrieben werden, das handelt oder Ziel von äußeren Handlungen wird. Die Bezeichnung von Gadgets, also von spielerischen Gegenständen auf der Bühne: Mörser, Computerbildschirm, Massagepistole, Atemmaske, Wuschel, Leuchtstange, ein Grill, Baulampe, Atemmaske, Sitzbank, Abfalleimer, Subwoofer und Feuerwehrhelm. Der Sinn dieser Wörter aber entsteht erst aus dem Zusammenhang, in dem der Gegenstand betrachtet wird.

Die Betrachtung einer Feuerwehrfrau verändert sich, wenn sie einen geliebten Menschen aus einem brennenden Haus rettet, wenn sie einen brennenden Container während einer Demonstration am Limmatplatz löscht und wenn sie auf einer Theaterbühne ein veganes Würstchen grillt. Auf was verweist das Wort Feuerwehrfrau für Sie? Welche Sprache findet sich für ein Massagegerät, wenn die Frage „Wer massiert die Masseurinnen?“ mitgesprochen werden soll?

Noch schwieriger wird es, wenn es um Dinge geht, deren Verweis auf Materie sich nur in der Vorstellung materialisiert. Der Begriff Katastrophe: Welche Sprache findet sich für eine Katastrophe, wenn vergangene Katastrophen miterzählt werden sollen? Gibt es eine Möglichkeit die Gleichzeitigkeit von Jetzt und Danach zu beschreiben?

Der Physiker Thibault Damour beschreibt, wie Zeit in Schichten aufeinander liegt, ein Kartendeck, in dem unser Gehirn die Gegenwart als einen linearen Strom wahrnimmt, weil es nicht die Möglichkeit umfassen kann, dass die Vergangenheit und die Zukunft deckungsgleich auf der Gegenwart liegen. Max Frisch beschreibt, wie vergangene Erfahrungen, um sie in der Gegenwart zugänglich zu machen, in Geschichten gegossen werden. In Ursula LeGuins Science Fiction ist Zukunft weniger eine Vorhersage als ein Gedankenexperiment, welches zeigt, dass die Zukunft nicht vorhersagbar ist, sondern ein Werkzeug sein kann, um die Gegenwart zu beschreiben. Möchte man eine Beschreibung der Zukunft, solle man die Wettervorhersage anschauen, sagt sie. Sicher kann die Sprache der Mathematik extrapolativ sein, also eine Beschreibung der Verhältnisse über den gesicherten Bereich hinaus erbringen. Und vielleicht kann dies auch das Theater, indem es Dinge, die uns als bekannt erscheinen, in neue Verhältnisse, in neue Beziehungen setzt.

Der Begriff Beziehungen: Welches Wort beschreibt fehlende Berührung in einer Beziehung? Wie beschreibt man die Energie, die uns zusammenbringt? Wir verbinden uns, wenn wir Energie durch eine gemeinsame Vision, eine gemeinsame Aufgabe, durch greifbare Formen wie Essen, Berührung, Singen und Arbeit miteinander teilen. Aber all dies bleibt abstrakt, bleibt Sprache, die durch Nomen versucht, Dinge mit Sinn zu füllen, anstatt mit Verben Beziehungen zueinander zu schliessen.

und Team

Die Arbeiten von Alexander Giesche werden durch ein starkes Team von Kollaborateur*innen getragen und mitgestaltet. Oft ist der Ursprung einer Idee am Ende nicht mehr zweifelsfrei auszumachen, die Gedanken zirkulieren, werden weitergegeben, verschenkt, angeeignet, geklaut, recycled. Manche der Mitstreiter*innen bei Afterhour begleiten Alexander schon eine ganze Weile, manche sind neu im Team.

Seit 10 Produktionen ist da Felix Siwiński, der – wie bei Der Mensch erscheint im Holozän – das Kostümbild für die AFTERHOUR gestaltet. Diesmal mit grosser Unterstützung von Mona Eglsoer (Kostümassistenz). Mona, Felix und Alexander trafen bereits zufällig 2014 in Bremen aufeinander: beim binge watching der Serie Lost für die gleichnamige Produktion am Theater Bremen – vielleicht mit dem vagen Gefühl, dass sie sich sieben Jahre später in gleicher Konstellation in der AFTERHOUR wieder begegnen würden.

Nadia Fistarol, die Bühnenbildnerin und langjährige Weggefährtin, gestaltete mit Alexander das Foyer, in dem Sie Ihren Theaterabend beginnen, wenn sie Holozän oder eins der anderen Stücke im Pfauen schauen. Sie hat ein unverkennbares Gespür für Materialien und gestaltet viel mehr als nur ein Bühnenbild. Ihre Arbeit schafft verdichtete Räume und damit die Atmosphären in denen die Stücke von Alexander sich ergiessen können.

Ein weiterer Kollaborateur auf der Ebene der Bildwelten ist Luis August Krawen, angesagtester 3D Animator der deutschsprachigen Theaterlandschaft, dank dessen Kunst Alexanders Imagination illustriert wird und Sie die Objekte der AFTERHOUR in diesem Beitrag finden.

Und es gibt Ludwig Abraham, der den Abend gemeinsam mit Alexander komponiert, was die Frage nach dem Begriff Komposition öffnet. Komposition scheint in der Arbeit dieses Teams so viel mehr zu sein, als nur der Soundtrack, der während des Abends läuft. Und gleichzeitig ist sie genau dies: Sie ist der Soundtrack, der vor den inneren Sinnen entsteht, wenn gemeinsam am Tisch das Stück entworfen wird; sie ist die Rhythmik, die Bewegungsqualität der fünf Spieler*innen auf der Bühne, ihre Geschwindigkeit und die Langsamkeit des Abends; sie ist die Anordnung der gestaltenden Elemente zueinander, das Verhältnis von Grill und Kostüm, von Text zu Sprache, von Musik und Bild.

Ohne das Team wäre die Komposition leer. Und die Bühne wäre unbelebt, denn Teil des Teams sind die fünf Schauspieler*innen, die in diesem Beziehungsgeflecht Ihnen, dem Publikum, jeden Abend aufs Neue begegnen. Karin Pfammatter und Max Reichert erschienen bereits im Holozän und bringen das Nachdenken über Max Frisch’ Erzählweise des Anthropozäns mit in die AFTERHOUR. Daniel Lommatzsch, Thomas Wodianka und Alexander begegneten sich bereits vor etlichen Jahren in der Box des Schiffbaus, als beide Spieler in Stefan Puchers Matthäus-Passion spielten, bei der Alexander assistierte. Nun arbeiten Daniel und Thomas das erste Mal mit Alexander als Regisseur. Eine fünfte Person, Henni Jörissen, begleitete die Produktion in den ersten fünf Wochen und ohne sie wäre diese Gruppe von Menschen kein Team geworden. Als sie in den Proben schwanger wurde, entschied das Team gemeinsam, dass das Risiko in der gegenwärtigen Situation zu gross für Henni sei. Eine Nachfolge wurde mit Teresa Vittucci gefunden, die Henni nicht ersetzen, wohl aber das Team wunderbar ergänzen kann, in dem sie die Körperlichkeit einer erfahrenen Tänzerin und Choreografin mit auf die Bühne bringt.

Und dann gibt es noch die Menschen neben und hinter der Bühne, Sandra Schudel, die Produktionsleiterin der AFTERHOUR, die Assistentinnen Mona Eglsoer (Kostüm), Ann-Kathrin Bernstetter (Bühne) und Leila Vidal-Sephiha (Produktion), die Hospitantin Lia Cattaneo, die Techniker*innen und Mitarbeitende der Gewerke, ohne die die AFTERHOUR keine Minute dauern könnte.

Bleibt die Frage, was eigentlich ein*e Dramaturg*in macht, wenn auf der Bühne kaum Text gesprochen wird. Ganz viel: zum Beispiel die Gedanken dieses Beitrags in die Produktion weben, damit den künstlerischen Prozess mitgestalten und sich darum kümmern, dass sich die anderen kümmern können.


Für tieferes Eindringen in die Materie empfiehlt sich:

Meeting the Universe Halfway. Quantum Physics and the Entanglement of Matter and Meaning von Karen Barad. Duke University Press, 2007

L’écoulement du temps est une illusion. Interview mit Thibault Damour, erschienen in Usbek&Rica, 2016

The Monster at Our Door. The Global Threat of Avian Flu von Mike Davis. The New Press, 2005

Geschichten in: Ausgewählte Prosa von Max Frisch. Suhrkamp, 1963

Author’s Note in: The Left Hand of Darkness von Ursula LeGuin. Penguin Random House, 1976

The Fire Age von Stephen Pyne

Dreaming the Dark. Wilde Kräfte. Sex und Magie für eine erfüllte Welt von Starhawk. Goldmann, 1993

On Connection von Kate Tempest. Faber & Faber, 2020

Produktionsbeteiligte

Mit: Teresa Vittucci, Karin Pfammatter, Maximilian Reichert, Thomas Wodianka, Daniel Lommatzsch

Inszenierung: Alexander Giesche
Bühne: Nadia Fistarol
Komposition: Ludwig Abraham
Kostüme: Felix Siwiński
Video: Luis August Krawen
Produktionsleitung: Sandra Schudel
Licht: Christoph Kunz
Dramaturgie: Bendix Fesefeldt
Audience Development: Mathis Neuhaus
Theaterpädagogik: Manuela Runge
Touring & International Relations: Sonja Hildebrandt
Produktionsassistentin: Leila Vidal-Sephiha
Bühnenbildassistenz: Ann-Kathrin Bernstetter
Kostümassistenz: Mona Eglsoer
Regiehospitanz: David Gees
Dramaturgieassistenz: Joëlle Gbeassor
Bühnenbildhospitanz: Lia Cattaneo
Inspizienz: Michael Durrer
Soufflage: Rita von Horváth